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Die katholische Kirche und der Massenmord an den europäischen Sinti und Roma

 

Die katholische Kirche und der Massenmord an den europäischen Sinti und Roma

Historische Verantwortung

Die katholische Kirche und der Massenmord an den europäischen Sinti und Roma

Wochenlang baten Geflüchtete aus dem ehemaligen Jugoslawien – die meisten von ihnen Roma – in Regensburg vergeblich um den Schutz der katholischen Kirche. Diese hätte damit die Möglichkeit gehabt, sich endlich ihrer historischen Verantwortung zu stellen. Denn ein Blick zurück zeigt: Die katholische Kirche hat am Massenmord an den europäischen Sinti und Roma mitgewirkt.

Von Stefan Dietl

Am 2. August, dem Tag, an dem in Regensburg das Bistum die Tür zum Pfarrheim St. Emmeram aufbrechen ließ, um den verbliebenen 26 Geflüchteten noch einmal deutlich zu machen, dass sie dort nicht länger erwünscht sind, wurde in zahlreichen Ländern Europas dem Völkermord an den europäischen Sinti und Roma gedacht. Der Gedenktag erinnert an den 2. August 1944, an dem das sogenannte „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau von den Nazis aufgelöst und die verbliebenen 2.897 Häftlinge in den Gaskammern ermordet wurden.

Es ist unbekannt, wie viele Opfer der Porajmos (deutsch „das Verschlingen“ ), wie der Genozid von den Roma genannt wird, gekostet hat. Der Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland geht von 500.000 Menschen aus, die aufgrund der Zuschreibung „Zigeuner“ ermordet wurden. Wie die Shoa war es der Versuch der kollektiven Vernichtung einer Bevölkerungsgruppe. Alle, die von den Nationalsozialisten als „Zigeuner“ identifiziert wurden, sollten ermordet werden.
Die Hilfe der Kirche bei der Identifizierung von „Zigeunern“

Dabei stießen die Nationalsozialisten schnell auf das Problem, wie sie herausfinden sollten, wer denn nun eigentlich alles „Zigeuner“ ist. Zwar konnten sie auf schon seit vielen Jahrzehnten geführte Akten von Polizei und Einwohnermeldeämter zurückgreifen – in Bayern wurden beispielsweise bereits seit 1899 alle „Landfahrer“ systematisch erfasst und überwacht – es stellte sich jedoch schnell heraus, dass diese nicht ausreichen, um die Zielsetzungen des nationalsozialistischen Vernichtungsprogramms zu erfüllen.

Die „Reichsstelle für Sippenforschung“ hatte es sich zum Ziel gesetzt, auch sogenannte „Zigeuner-Mischlinge“ zu identifizieren. Dies betraf sowohl „Halbzigeuner“, als auch „Viertel“- und „Achtelzigeuner“. Da die staatlichen Akten oftmals nicht weit genug zurückreichten oder unvollständig waren, kamen ihnen die evangelische und die katholische Kirche zur Hilfe und wurden so zum Mittäter der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

Vor allem für die Zeit vor der Einführung der Zivilehe 1875 waren die Kirchenbücher meist die einzigen Dokumente, aus denen die Herkunft der Gemeindemitglieder ersichtlich war. Im Oktober 1936 forderte der Leiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle am Reichsgesundheitsamt (RHF), Robert Ritter, in einem Rundbrief alle deutschen Pfarrer auf, ihm Auszüge aus den Familienregistern zu schicken, in denen „Zigeunerfamilien“ verzeichnet sind. Über möglichen Widerstand oder der Verweigerung von Seiten des Klerus gegenüber den Behörden bei der Aushändigung der entsprechenden Unterlagen ist bisher nichts bekann

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Der „Rassenforscher“ Robert Ritter (rechts) 1936.

Das RHF unter Leitung von Robert Ritter und seiner Stellvertreterin Eva Justin hatte die Aufgabe, „Zigeuner“ auf Basis der pseudowissenschaftlichen NS-Rassenkunde zu identifizieren und zu erfassen. Mit Hilfe der kirchlichen Daten und Polizei- und Archivakten erstellte das RHF in den nächsten Jahren mehr als 20.000 sogenannter Rassen-Gutachten und bereitete so den Weg für Deportation und Vernichtung der meisten Betroffenen. Kein einziger Mitarbeiter des RHF wurde übrigens nach der NS-Zeit disziplinar- oder strafrechtlich belangt und viele konnten ihre akademischen Karrieren in der Bundesrepublik erfolgreich fortsetzen.
Die christlichen Ursprünge des Antiziganismus

Der völkische Antiziganismus, der im Massenmord der Nazis mündete, ist zwar ebenso wie der Antisemitismus ein Phänomen der modernen bürgerlichen Gesellschaft, aber ebenso wie der Antisemitismus hat auch er christliche Wurzeln. Die ersten Quellen, die im 15. Jahrhundert über Sinti und Roma in Europa berichten, beschreiben sie meist als fromme Pilger und Wallfahrer. Relativ schnell wandelte sich jedoch dieses Bild und stattdessen schürte auch die katholische Kirche den Mythos, Gott hätte sie zur Strafe in alle Welt verstreut und zu ewiger Wanderschaft verdammt.

Der Mythos von Sinti und Roma als Sünder und Verfluchte fand seinen Ausdruck in den christlichen Legenden. Sie seien die Nachkommen Kains, der seinen Bruder Abel erschlagen hat; sie hätten der heiligen Familie bei deren Flucht nach Ägypten die Herberge verweigert oder sie hätten die Nägel für die Kreuzigung Jesus Christi geschmiedet.

Die Verteufelung der Sinti und Roma durch die katholische Kirche hatte einen handfesten Hintergrund. Spätestens mit dem Konzil von Trient (1545 – 1563) war die Gegenreformation in vollem Gange. Neben dem Kampf gegen den Protestantismus galt es auch, die katholische Lehre gegenüber allen anderen Glaubensinterpretationen abzugrenzen. So wurde die religiöse Herkunft der Sinti und Roma „erforscht“, wobei auch zur damaligen Zeit alltägliche Tätigkeiten wie Wahrsagerei, Heilkunst und Zauberei in den Verdacht der Hexerei gerieten, und man erklärte sie entweder zu Schismatikern, zu Anhängern der islamischen Religion oder zu Häretikern.

Auf den Synoden von Neapel (1576) und Salerno (1596) wurde entschieden, dass die „Zigeuner“, da sie Heiden und Ketzer seien, im Land nicht geduldet werden dürfen.

Auch die staatliche Verfolgung nahm zu und in Laufe des 16. Jahrhunderts wurden Sinti und Roma, aber auch andere als „Zigeuner“ identifizierte Minderheiten, in immer mehr Ländern Europas für vogelfrei erklärt.

Mit der Entstehung der modernen Nationalstaaten im 19. Jahrhundert erreichte die Ausgrenzung und Diskriminierung von sogenannten „Zigeunern“ eine neue Qualität. Der religiöse Antiziganismus wich immer mehr ethnischen und rassistischen Vorurteilen und diente vor allem in Deutschland der nationalen Ein- und Ausgrenzung.

Auch in der katholischen Kirche fand der Nationalismus in den Forderungen nach einem „deutschen Kulturkatholizismus“ oder der Bewegung des „Deutschkatholizismus“ seinen Ausdruck. Verbunden war diese national-religiöse Entwicklung mit einer gleichzeitigen Ablehnung bürgerlich-demokratischer Errungenschaften durch die katholischen Kirche. So verurteilte Papst Gregor XVI 1832 die Menschenrechte, da sie vom christlichen Recht wie auch dem „Naturrecht“ abwichen.

In einer deutschen nationalen Volkskirche wie sie sich im 19. Jahrhundert immer mehr herausbildete, war, obwohl sie getauft waren und die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen, für ethnische Minderheiten wie Sinti und Roma kein Platz.
Das Schweigen zu den Deportationen

Es ist daher wenig erstaunlich, dass die katholische Kirche, ebenso wie die evangelischen Kirchen, die Nationalsozialisten nicht nur durch die Öffnung ihrer Kirchenbücher bei der Identifizierung von sogenannten „Zigeunern“ unterstützte, sondern auch ihren Glaubensbrüdern nicht beistanden, als diese deportiert wurden.

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Das „Zigeunerlager“ (gelb hervorgehoben) im KZ Auschwitz-Birkenau, Grundlage: Luftbild der Royal Air Force von 1944 (CC)

Ebenso wie heute die Geflüchteten im Pfarrheim St. Emmeram baten auch die Verfolgten der NS-Rassenideologie um den Schutz der Kirche. In seinem Aufsatz „Die katholischen Bischöfe und die Deportation der Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau“ weist der Vorsitzende des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma, Romani Rose, auf mehrere Bittschreiben deutscher Sinti und Roma hin, die diese anlässlich der Deportationen nach Auschwitz an katholische Würdenträger richteten. So erreichte den Vorsitzenden der Bischofskonferenz Kardinal Adolf Bertram am 6. Mai 1943 ein Bittgesuch verzweifelter Sinti- und Romafamilien, die um Fürsprache der katholischen Kirche baten.

In einem am selben Tag eingegangenen Bittschreiben an Bertram wurde er ebenfalls gebeten, im Namen der deutschen Bischöfe etwas zu unternehmen, „denn wenn unsere katholische Kirche uns nicht in ihren Schutz nimmt, so sind wir einer Maßnahme ausgesetzt, die moralisch wie auch rechtlich jeder Menschlichkeit Hohn spricht. Wir betonen hierbei, dass es hier nicht um einzelne Familien geht, sondern um 14.000 katholische Angehörige der römisch-katholischen Kirche, und an die folgedessen unsere katholische Kirche nicht achtlos vorübergehen kann.“

Der Freiburger Erzbischof Conrad Gröber, der eine ähnliche Bittschrift erhielt, leitete eine Abschrift sowohl Kardinal Bertram als auch Bischof Heinrich Wienken zu, der innerhalb der Bischofskonferenz als Unterhändler zu den staatlichen Stellen fungierte. In seinem Antwortschreiben an Gröber sprach Wienken von einem Einzelfall und sah keine Möglichkeit, auf ein Ende der Deportationen hinzuwirken. „Spätestens im Mai 1943 musste den Verantwortlichen innerhalb der deutschen Bischofskonferenz jedoch klar sein, dass es sich mitnichten um ‚Einzelfälle‘ handelte“, so Romani Rose in seinem Aufsatz, „sondern um eine vom NS-Staat planmäßig organisierte Vernichtungspolitik, die sich gegen unsere Minderheit in ihrer Gesamtheit richtete.“

Von Seiten der katholischen Kirche haben während der NS-Zeit weder der Vatikan noch die Deutsche Bischofskonferenz die Deportation und Vernichtung der Sinti und Roma öffentlich thematisiert oder gar verurteilt.

Die Kinder von Mulfingen

Doch nicht nur Schweigen bestimmte die Haltung der katholischen Kirche gegenüber der Ausgrenzung, Diskriminierung und Vernichtung der europäischen Sinti und Roma während des Nationalsozialismus. Die katholische Kirche war auch aktiv in die Verbrechen der Nazis involviert.

Denjenigen, die einen Blick in die Geschichte der katholischen Kirche während der NS-Zeit werfen, muss es daher besonders zynisch erscheinen, wenn heute Generalvikar Michael Fuchs, als Vertreter des Bistums Regensburg, ausgerechnet das Kindeswohl anführt, um in einer Pressemitteilung das Vorgehen der Kirche gegen die Schutzsuchenden zu rechtfertigen.

Nicht nur bedient er damit das althergebrachte antiziganistische Ressentiment, die Roma würden Kinder für ihre Zwecke nutzen und vernachlässigen, das bereits im 19. Jahrhundert in verschiedenen Ländern dazu führte, dass Kinder ihren Familien entrissen wurden und später auch als eine Begründung für Sterilisationen diente. Es war zudem die katholische Kirche, die zahlreiche Kinder von Sinti und Roma bereitwillig dem NS-Staat zur Vernichtung überließ.

Viele Kinder, deren Eltern bereits deportiert wurden, kamen in katholische Heime und wurden nach dem Auschwitz-Erlass des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom Dezember 1942, in dem die vollständige Deportation und Vernichtung aller Sinti und Roma im damaligen Deutschen Reich angeordnet wurde, von dort ins „Zigeunerlager“ Auschwitz gebracht. Bekannt ist vor allem der Fall des katholischen Kinderheims St. Josefpflege in Mulfingen.

Aufnahme einer Propagandakompanie bei Tiraspol (Transnistrien) vom 6. April 1944. Originalbildunterschrift: „Zigeuner. Selbst in Regenwetter und Schlamm laufen die kleinen Kinder halbnackt herum. Wenn sie grösser werden, hängen ihnen die Alten ihre abgelegten Lumpen um.“

Bereits seit 1938 wurden dort Sinti Kinder aus Württemberg der Obhut der Kirche übergeben. Als „Zigeuner“ oder „Zigeunermischlinge“ dienten sie 1943 Ritters Stellvertreterin, Eva Justin, als Probanden für ihre Doktorarbeit über die „Lebensschicksale artfremd erzogener Zigeunerkinder und ihrer Nachkommen“. Sie dienten als Demonstrationsobjekte für ihre These, dass auch „artfremd“ erzogene, also nicht in ihrer Familie, sondern in einem katholischen Heim erzogene „Zigeunerkinder“, unerziehbar seien. Dadurch blieben sie bis zum Frühjahr 1944 vor dem Abtransport in ein Konzentrationslager verschont. Nach Abschluss der pseudowissenschaftlichen „Experimente“ ordnete die zuständige „Kriminalpolizeileitstelle“ Stuttgart den Abtransport der Kinder nach Auschwitz an.

Am 9. Mai 1944 wurden sie unter dem Vorwand, es gehe auf einen Ausflug, in einem Bus zunächst nach Künzelsau gefahren. Da den älteren Mädchen und Jungen durch das Erscheinen der begleitenden Polizisten bereits klar geworden war, wohin die Fahrt ging, brach schon auf dem Hof der Josefspflege beim Einsteigen in den Bus eine Panik aus, woraufhin zur Beruhigung der Kinder die Lehrerin Johanna Nägele und die Schwester-Oberin Eytichia auf dem ersten Teil der Strecke mitfuhren.

Die Heimleitung unternahm nichts, um die Deportation der ihr anvertrauten Kinder zu verhindern. Der Leiter der Josefspflege Mulfingen, Pfarrer Volz, der den Abtransport vorbereitete, wusste, dass die Kinder nicht zurückkommen würden. Er teilte dem Caritasverband mit, dass in nächster Zeit „30 Zigeunerkinder“ wegkommen sollen. Dadurch wäre die Anstalt ziemlich unterbelegt. Er bat den Caritasverband, darauf hinzuwirken, dass durch die entsprechenden Behördenstellen eine Vollbelegung wieder raschstens erfolge. Am Vorabend ihrer Deportation erhielten die Kinder vom eigens herbeigeeilten Pfarrer eine „Notkommunion“ – dies war die einzige Hilfe, die ihnen vonseiten der katholischen Kirche zuteil wurde.

Am 12. Mai 1944 kamen die Kinder in Auschwitz an und trafen dort weitere Sinti-Kinder wieder, die ebenfalls in Mulfingen gelebt hatten, aber schon früher deportiert worden waren. Bei der Selektion in Auschwitz wurden nur vier ältere Kinder als Arbeitskräfte aussortiert. Sie kamen in die Konzentrationslager Buchenwald und Ravensbrück. Die Übrigen wurden zum Teil noch von Josef Mengele für medizinische Experimente missbraucht und dann in der Nacht zum 3. August 1944 vergast.

Katholische Geistliche und der Völkermord in Kroatien

Eng verstrickt war die katholische Kirche auch in die Verbrechen des kroatischen Ustascharegimes. Nach der Eroberung und Zerschlagung Jugoslawiens wurde von den Nazis in Kroatien ein Satellitenstaat unter der Führung des katholischen Priesters Ante Pavelic und seiner klerikalfaschistischen Usatschabewegung errichtet.

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Der Priester und Massenmörder Miroslav Filipovic

Zu den Ustascha gehörten neben Pavelic von Anfang an eine große Anzahl katholischer Priester als Parteifunktionäre, KZ-Führer und Staatsgauleiter. Zu den engsten Verbündeten des Ustascha-Führers Ante Pavelic gehörte der Zagreber Erzbischof Alojzije Stepinac; er wurde der Mittler zwischen Pavelic und dem Vatikan. Die faschistische Machtergreifung bezeichnete er als „Wirken der göttlichen Hand“.

Die kroatische Marionettenregierung verfolgte eine Politik, welche die „kroatische Rasse“ privilegierte, die Serben als „Nicht-Gläubige“ entrechtete und Juden und Roma als „Nichtarier“ der Vernichtung preisgab. Im Mai 1942 ließ das Ustascharegime sämtliche von ihnen als „Zigeuner“ identifizierte Menschen festnehmen. Tausende von ihnen wurden im KZ Jasenovac inhaftiert, wohin sie kolonnenweise zusammengekettet geführt wurden. Jüngere Männer, die das Lagerpersonal als arbeitsfähig betrachtete, wurden zur Zwangsarbeit verwendet. Wer nicht in diese Kategorie fiel, wurde getötet und in Massengräbern verscharrt.

Tausende fielen den Lagerbedingungen und Massakern der Ustascha zum Opfer. Kurz vor dem Zusammenbruch des Satellitenstaates ermordete das Lagerpersonal die meisten der bis dahin Überlebenden. Die Zahl der getöteten Roma ist unsicher. Schätzungen schwanken für Jasenovac zwischen 10.000 und 40.000, für ganz Kroatien zwischen 25.000 und 50.000.

Der Franziskaner Miroslav Filipovic war zunächst stellvertretender Kommandeur und leitete das Lager anschließend vier Monate lang. Stolz gab er an, dass alle Juden und Roma, die in dieser Zeit dort gefangen waren, getötet wurden. Er persönlich hat nach eigenen Angaben ungefähr hundert Häftlinge erschossen.

Bereits im Juni 1941, als die Terrorherrschaft der Ustascha begann, erfolgten neben den Gewaltmaßnahmen gegen Juden und Roma auch die Angriffe auf die orthodoxen Serben unter wesentlicher Mitwirkung des Klerus.

Der Pfarrer von Ubdina rief dazu auf, mit „Gewehr und Revolver für den Glauben zu arbeiten.“ Ivo Guberina, Priester in der Katholischen Aktion, bezeichnete die Vernichtung der Orthodoxen als „Entfernung des Giftes aus dem Organismus“. Die Unterstützung der Ustascha sei eine „religiöse Verpflichtung“. Minister Mile Budak, fanatischer Katholik, kündigte im Juli 1941 an, was die Klerikalfaschisten danach umsetzten:

„Für Minderheiten wie Serben, Juden und Zigeuner haben wir drei Millionen Kugeln. Wir werden einen Teil der Serben umbringen. Den anderen werden wir abtransportieren und den Rest werden wir zwingen, die römisch-katholische Religion anzunehmen.“

Der römisch-katholische Priester Sarajevos, Brale Bozidar leitete die Ermordungen in Bosnien. Seit Kollege Mate Mogus profilierte sich vor allem bei Zwangstaufen. Der Priester Petar Sivjanovic organisierte die Transporte in die Konzentrationslager. Der Dekan von Stolac, Marko Zovko, verantwortete die dortigen Massenmorde. Don Ilija Tomas, der Pfarrer von Klepci, stellte Todeslisten zusammen.

Auch der Vatikan selbst machte sich zum willigen Komplizen des Ustascha-Regimes. Der Papst persönlich ernannte Alois Viktor Kardinal Stepinac – der 1998 von Johannes Paul II als Märtyrer selig gesprochen wurde – zum obersten Militärvikar des Ustascha-Regimes, der in jeder Kampfeinheit der Faschisten einen Feldkaplan einsetzte.

Die Zwangstaufe von 240.000 orthodoxen Serben führten die katholische Kirche und der faschistische Staat gemeinsam durch. Nach dem Sieg über das Ustascha-Regime organisierte der Vatikan für Pavelic und etwa zweihundert seiner Anhänger die Flucht nach Südamerika. Papst Johannes XXIII erteilte Pavelic 1959 auf dem Sterbebett persönlich den apostolischen Segen.

Das lange Schweigen

Ebenso wie die Verfolgung der Sinti und Roma auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus andauerte und der Porajmos von der deutschen Regierung lange Jahre geleugnet wurde, haben auch die evangelische und die katholische Kirche dem Völkermord an den Sinti und Roma mehr als dreißig Jahre lang keine Beachtung geschenkt, geschweige denn sich zu ihrer Mitschuld bekannt. Im Schuldbekenntnis der katholischen Bischöfe vom 23. August 1945 und in der Stuttgarter Schulderklärung des Rats der Evangelischen Kirche vom 18./19. Oktober 1945 sind die Sinti und Roma mit keinem Wort erwähnt.

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Demonstration von Sinti und Roma am 28. Januar 1983 anlässlich des 50. Jahrestags der Machtergreifung vor dem BKA, rechts mit Schild: Romani Rose.

Erst mit der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung der Roma in den 70er und 80er Jahren, die untrennbar mit dem Namen des langjährigen Vorsitzenden des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma Romani Rose verbunden ist, änderte sich die Situation. Mit aufsehenerregenden Protesten wie dem Hungerstreik im ehemaligen Konzentrationslager Dachau 1980 – bei denen Rose und seinen Mitstreitern ebenso wie heute der Roma-Selbstorganisation „Romano Jekipe“ von nicht wenigen Kommentatoren vorgeworfen wurde, sie würden über das Ziel hinausschießen und dem Anliegen der Sinti und Roma mehr schaden als nutzen – gelang es ihnen nach und nach, ihre Bürgerrechte und die Anerkennung des Völkermords an den Sinti und Roma durch die Bundesregierung durchzusetzen.

Durch die Proteste wurde auch die katholische Kirche dazu gezwungen, sich mit dem Völkermord an den Sinti und Roma zu beschäftigen. Ein Jahr nach dem Hungerstreik im ehemaligen KZ Dachau kam es zum während des Protestes geforderten Gespräch mit dem damaligen Münchner Erzbischof und späteren Papst, Joseph Ratzinger. Während 1985 Kardinal Joseph Höffner und EKD-Ratsvorsitzender Bischof Lohse im Kölner Dom noch einen gemeinsamen Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer der NS-Zeit begingen, ohne die Sinti und Roma dabei überhaupt zu erwähnen, kam es 1988 im Dom von Speyer zum ersten Gedenkgottesdienst, in dem an die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma gedacht wurde.

Symbolische Gesten statt Übernahme von Verantwortung

In seiner Botschaft zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz erinnerte Papst Johannes Paul II endlich auch an die Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma. In seinem Aufsatz „Die katholischen Bischöfe und die Deportation der Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau“ von 2008 schreibt Romani Rose hierzu:

„In der Grußbotschaft von Johannes Paul II. zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau, die Kardinal Lustiger am 27. Januar 2005 auf dem ehemaligen Lagergelände verlas, würdigte der Papst erstmals ausdrücklich die Holocaust-Opfer unserer Minderheit: ‚Die Roma waren in Hitlers Plan ebenso für die totale Vernichtung vorgesehen. Man kann die Opfer an Leben nicht unterschätzen, die ihnen, unseren Brüdern und Schwestern, im Todeslager von Auschwitz auferlegt wurden.‘ Trotz dieser wichtigen symbolischen Geste gibt es bis heute kein eindeutiges Bekenntnis des Vatikans oder der deutschen Bischöfe zur Mitverantwortung der Katholischen Kirche mit Blick auf den vom NS-Staat organisierten Völkermord an den Sinti und Roma und insbesondere zur Rolle der Kirche bei der Aussonderung unserer Menschen und ihrer Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Für die Überlebenden des Holocaust und ihre Angehörigen ist diese ignorante Haltung ihrer Kirche zutiefst bedrückend. Nicht wenige Angehörige unserer Minderheit haben sich aufgrund dieser leidvollen Erfahrung von der Katholischen Kirche abgewandt.“

Betrachtet man das Vorgehen des Regensburger Bistums gegen die im Pfarrheim St. Emmeram Schutzsuchenden scheint es, als könnte sich die katholische Kirche diese Mitverantwortung und die daraus erwachsende Aufgabe auch heute noch nicht eingestehen.

Literatur:

Romani Rose: Die katholischen Bischöfe und die Deportation der Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau Heidelberg : Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg 2008

Vladimir Dedijer: Jasenovac – das jugoslawische Auschwitz und der Vatikan. Herausgegeben von Gottfried Niemietz. Ahriman-Verlag 1988.

Wilhelm Solms: „Sie sind zwar getauft, aber…“ Die Stellung der Kirchen zu den Sinti und Roma in Deutschland, in theologie.geschichte – Zeitschrift für Theologie und Kulturgeschichte Bd 1, 2006

Wolfgang Wippermann: Wie die Zigeuner. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, Berlin 1997

Michael Krausnick, „Auf Wiedersehen im Himmel“. Die Sinti-Kinder von der St. Josephspflege, in: Wo sind sie hingekommen? Der unterschlagene Völkermord an den Sinti und Roma, Gerlingen 1995

Gilad Margalit: Die Nachkriegsdeutschen und ‚ihre Zigeuner‘. Die Behandlung der Sinti und Roma im Schatten von Auschwitz, Berlin 2001.

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