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Nizaqete Bislimi-Hošo, Fachanwältin für Migrationsrecht, Rechtsanwältin, Buchautorin und Vorsitzende des Bundes Roma Verbandes

Roma in Society. Reloaded spricht mit Roma über ihre Kunst, ihre Arbeit, ihren Aktivismus.

NiZaNizaqete Bislimi-Hošo, Fachanwältin für Migrationsrecht, Rechtsanwältin, Buchautorin und Vorsitzende des Bundes Roma Verbandes

Du bist Rechtsanwältin in Essen und Fachanwältin für Migrationsrecht. Bei dir ist der Weg dahin nicht so einfach gewesen. Kannst du uns erzählen, wie dein Leben bisher verlaufen ist?

Ich bin mit 14 Jahren aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen. Das war 1993. Von der mütterlichen Seite bin ich Roma und von der väterlichen Seite Ashkali. 1998 hatte ich mein Abitur und wollte studieren, hatte aber nur eine Duldung.

Das heißt, der Asylantrag wurde abgelehnt?

Richtig, wobei wir das nicht mitbekommen haben, weil wir im Geflüchtetenheim gelebt haben und unser Bescheid nicht zugestellt wurde. Daher haben wir einen Anwalt aufgesucht – den, dessen Kanzleianteil ich Anfang des Jahres 2020 übernommen habe. Wir haben eine Wiedereinsetzung ins Verfahren beantragt. Das Verfahren hat Jahre gedauert.

Wie ging es dann für dich weiter?

Eigentlich wollte ich eine Ausbildung als Hotelfachfrau machen, habe aber keine Beschäftigungserlaubnis bekommen. Ich bin durch die Vorrangprüfung gefallen. Es gab bevorrechtigte Auszubildende, die diesen Arbeitsplatz hätten haben können. Das war Glück im Unglück. Ich hatte das Abitur in der Hand und dachte: Was machst du jetzt? Ich habe mich dann bei der Ausländerbehörde erkundigt. Die haben mir gesagt, dass das so nicht geht – „und warum willst du überhaupt studieren. Die Familie hat vorgetragen, dass sie politisch verfolgt wird und Schutz braucht und jetzt kommst du hierhin und willst studieren.“ Das hat mich damals traurig gemacht und aufgeregt und dann habe ich zu der Sachbearbeiterin gesagt: Ja, das stimmt. Aber ich bin jetzt seit fünf Jahren hier. Soll ich jetzt zu Hause bleiben? Mein Leben bleibt ja nicht stehen, es geht weiter. Wir warten jeden Tag ab, wann wir denn abgeschoben werden. Alles ist so ungewiss und trotzdem geht mein Leben weiter.

Kurz vor dem Schulabschluss hatte ich einen Termin beim Berufsberater. Er hat sich mein gutes Zeugnis angesehen, und dann hat er sich meine Duldung angeschaut. Und er meinte: Du hast keine Chance, heirate doch. Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Da war ich noch nicht 18 Jahre alt. Meine Antwort war: Ich entscheide selbst, wann ich heirate. Ich will es nicht auf diesem Weg schaffen, ich will eine ernsthafte Möglichkeit haben, mich selbst zu entfalten.

Nach dem Abitur bin ich mit einem guten Freund zu der Uni Bochum gefahren und habe mich einfach selbst erkundigt. Dort wurde mir gesagt, die Duldung sei irrelevant, denn mit einem deutschen Abitur hatte ich die Hochschulzugangsberechtigung erworben. Und das ist das, was zählt.

Mit einer Duldung konntest du aber kein Bafög bekommen.

Genau, mit Duldung kann man erst seit 2009 Bafög erhalten, aber ich konnte auch keine Leistungen mehr nach Asylbewerberleistungsgesetz bekommen. Daher musste ich dann sehr viel arbeiten. Die ersten zwei Semester war ich kurz davor aufzugeben. Ich war ganz oft super deprimiert, habe geweint und wollte nicht mehr. Es war zu viel. Aber ich hatte Unterstützung von meiner Familie und einem deutschen Ehepaar, das uns jahrelang unterstützt hat. Das war ein Glücksfall.

Wie hat sich dein Studienalltag von dem deiner Mitstudierenden unterschieden?

Wir haben immer noch in diesem Geflüchtetenheim gelebt, das war am Ende der Stadt, und ich musste erstmal 45 Minuten mit dem Bus bis zum Bahnhof fahren und dann von da aus nach Bochum an die Uni. Wir hatten ja immer noch die Wohnsitzauflage. Ich habe kein Studentenleben gehabt. Ich musste sehr viel arbeiten, mich selbst finanzieren und meine Familie unterstützen.

Durftest du denn überhaupt arbeiten?

Ja, ich habe immer wieder eine Beschäftigungserlaubnis beantragt. Irgendwann hatte ich das drauf und wusste, was ich eintragen muss. Und wenn man einmal da war, kannte man die Sachbearbeiter auch und dann wurde das auch verlängert. Durch die ganzen Jahre musste ich immer wieder diese Beschäftigungserlaubnis einholen. Trauriger weise ist das irgendwann Alltag.

Konntest du dich denn gut mit deinen Mitstudierenden austauschen oder waren das zu krasse Gegensätze?

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich damals irgendjemandem anvertraut haben. Das kam sehr viel später, als sich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte und ich wusste, dass sie mich nicht ausgrenzen oder den Kontakt abbrechen werden. Ich bin heute noch mit Leuten befreundet, mit denen ich angefangen habe zu studieren und die heute auch Anwälte sind.

Hattest du anfangs Angst zu sagen, dass du Roma bist?

Ja. Wir haben es Behörden 2005 erstmalig mitgeteilt, als meine Familie kurz vor der Abschiebung stand. Dass ich darüber reden kann, ist erst gekommen, als ich selbst eine gewisse Stabilität hatte und als ich gesehen habe, was 1999 mit Roma im Kosovo passiert ist, als ich selbst dahin gereist bin und mir die Geschichte von meiner Tante angehört habe. Wenn ich meinen Namen gesagt habe, wurde ich gefragt, ob ich aus dem Kosovo sei. Dann hieß es, ich sei Albanerin, und ich habe das im Raum stehen lassen. Ich habe irgendwann angefangen mich meinen Freunden anzuvertrauen, weil ich wusste: Für sie zählt der Mensch. Als ich Anwältin wurde, war ich selbst soweit, dass ich sagen konnte: Du bist, was du bist. Für meine Kollegen spielt das überhaupt keine Rolle. Heute würde ich das nicht mehr aufgeben.

Anfangs hat sich das immer noch so angehört, als würdest du dich dafür rechtfertigen, als sei das ein Makel.

Das hat einen Grund. Ich bin in einem albanischen Dorf aufgewachsen, weil mein Vater Ashkali ist und die albanische Sprache spreche. Da habe ich mich wirklich geschämt, und ich habe es geleugnet. Meine Freundinnen haben immer gesagt, du bist doch keine Romni, du bist doch so sauber. Als damals die albanische Bewegung angefangen hat, habe ich in meiner Klasse pro-albanische Gedichte vorgetragen. Das Bewusstsein kam erst in Deutschland, als ich erkannt habe, dass es eigentlich selbstverständlich sein müsste, indem die Leute um mich herum mich akzeptiert haben. Es ist ein Teil meines Ichs, und ich will mich nicht verleugnen.

Musstet ihr während deines gesamten Studiums damit rechnen, abgeschoben zu werden?

Ja. 2005, während des ersten Staatsexamens, kam ein Brief von der Ausländerbehörde. Damals gab es das Rücknahmeabkommen schon, betreffend Kosovoalbaner. Wir sind ja keine, aber wir hatten damals angegeben, albanisch zu sein. Und dann kam die Abschiebeandrohung. Das Staatsexamen ist ja ohnehin schon für alle eine Extremsituation. Meine Kommilitonen waren schon damit an der Grenze. Und für mich stand noch die Existenz meiner Familie auf dem Spiel.

Du unterstützt Menschen nicht nur als Anwältin, sondern auch als Vorsitzende des Bundes Roma Verbandes, der Interessenvertretung migrantischer Roma in Deutschland. Was sind die Forderungen des Verbandes?

Wir fordern vor allem ein Bleiberecht für Roma in Deutschland. Viele leben seit Jahren oder Jahrzehnten ohne sicheren Aufenthalt hier. Sie sind in einer permanenten Situation der Unsicherheit. Manche sind bereits mehrfach abgeschoben worden und kommen immer wieder zurück, da sie in den Ländern Ex-Jugoslawiens nicht leben können. Diskriminierung und Rassismus sind dort allgegenwärtig. Das ist besonders vor der geschichtlichen Situation brisant. Viele dieser Menschen sind natürlich die Nachkommen der Verfolgten des Völkermords an den Roma und Sinti und zum anderen ist der Kosovokrieg, in dessen Folge die Roma aus der Region vertrieben worden sind, mit deutscher Unterstützung geführt worden. Bis heute geben die Kosovoalbaner den Roma ihr Eigentum nicht zurück, das sie während des Krieges und danach in Besitz genommen haben.

Inzwischen leben in Deutschland die Kinder oder gar Enkel derjenigen, die in den 1990er Jahren geflohen sind. Sie sind hier geboren und haben dennoch häufig keinen sicheren Aufenthalt. Manche werden abgeschoben – in Länder, die sie nie zuvor gesehen haben und deren Sprache sie nicht sprechen. Das ist eine unhaltbare Situation. Die Politik muss hier endlich Verantwortung übernehmen und den Menschen ein Bleiberecht geben.

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Darüber hinaus gibt es natürlich noch viele weitere Punkte, an denen wir arbeiten und an denen weiter gearbeitet werden muss. Eine wichtige Forderung ist, dass der Porajmos, also der Völkermord an Sinti und Roma, angemessen in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen wird. Wenn überhaupt, wird er nur am Rande erwähnt. Die gesellschaftliche Teilhabe von Roma muss gefördert werden, dazu zählen etwa der gleichberechtigte Zugang zu Bildung, Arbeit und Wohnung. Es gibt eine anhaltende strukturelle, institutionelle und alltägliche Diskriminierung, die angegangen werden muss. Die Antidiskriminierungsarbeit der Roma-Selbstorganisationen ist unglaublich wichtig. Sie umfasst auch den enorm wichtigen Aspekt, die Mehrheitsgesellschaft zu sensibilisieren. Denn sonst kann man Diskriminierung nicht wirklich aktiv entgegenwirken. Gefördert werden muss auch der Einsatz von Roma-Schulmediator_innen, damit die Kinder die gleichen Chancen im äußerst exkludierenden Schulsystem haben.

Vielen dieser Forderungen hat der BRV auch mit Konzepten und Empfehlungen im Rahmen des Nationalen Aktionsplan Integration eingebracht. Das heißt, wir haben Signale an die Regierung gesandt. Nun ist sie an der Reihe, den Willen zu zeigen, an diesen Konzepten zu arbeiten und die Expertise der Selbstorganisationen ernst zu nehmen.

Wie wir wissen, hat die Corona-Krise drastische Auswirkungen auf die Roma in vielen Ländern Europas, besonders für diejenigen, die in Slums leben und auf informelle Arbeit angewiesen sind, die aktuell nicht mehr möglich ist. Mit welchen Problemen kommen deine Mandant_innen aktuell zu dir?

Auch in Deutschland bringt die aktuelle Situation große Probleme mit sich. Viele Roma arbeiten unter prekären Bedingungen und haben gar mehrere Jobs. Um einen Aufenthalt zu bekommen oder den Status zu behalten, müssen sie ihren eigenen Lebensunterhalt und den der Familie sichern können. Da viele Betriebe aktuell nicht arbeiten können, werden die Menschen entlassen oder ihre Arbeitszeit wird gekürzt. Wenn die Leute dann nicht sofort eine neue Stelle finden, und das ist aktuell noch schwieriger als sonst, wirkt sich das natürlich negativ auf ihren Aufenthaltsstatus aus. Auch für Menschen aus EU-Ländern kann der Aufenthalt gefährdet sein. Viele Roma aus Bulgarien und Rumänien arbeiten in prekären Jobs in Deutschland. Fallen diese nun weg, kann die Freizügigkeit auf dem Spiel stehen.

Hier ist die Politik gefragt. Es braucht hier dringend Regelungen, nach denen niemand aufgrund dieser Situation seinen Aufenthaltsstatus verlieren darf.

NizaXYY

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