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Rassistische Terroranschläge in Deutschland. Unter den Opfern sind drei Roma

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Rassistische Terroranschläge in Deutschland. Unter den Opfern sind drei Roma

Am 19. Februar 2020 hat der Nazi Tobias R. in Hanau zehn Menschen erschossen und weitere verwundet. Wir sind geschockt: erschüttert, traurig und verzweifelt und wünschen den Überlebenden und den Angehörigen Kraft.

Sie hatten alle noch viel vor.

Mercedes Kierpacz war deutsche Romni mit polnischen Wurzeln. Als sie ermordet wurde, war sie 35 Jahre alt. Sie hinterlässt zwei Kinder.

Kalojan Velkov war 32 Jahre alt und Rom aus Bulgarien. Er arbeitete seit zwei Jahren in Deutschland, um seiner Familie zu unterstützen. Er hinterlässt einen kleinen Sohn.

Vili Viorel Păun war 23, als er getötet wurde. Er lebte und arbeitete seit etwa acht Jahren in Deutschland, um seine Familie zu unterstützen. Er lebte mit seinen Eltern in Hanau und arbeitete für einen Lieferdienst. Er war Rom und das einzige Kind seiner Eltern.

Ferhat Unvar wurde 22 Jahre. Er hatte gerade seine Ausbildung abgeschlossen. Er stammte aus einer nach Deutschland geflohenen kurdischen Familie und war selbst nie in der Türkei.

Gökhan Gültekin wurde 37 Jahre, war Maurer, hatte grade ein Umzugsunternehmen gegründet. Er stammt aus einer kurdischen Familie, wollte sich in Kürze verloben.

Hamza Kurtović, in zweiter Generation in Deutschland geboren. Er hatte gerade eine Ausbildung abgeschlossen und wurde 21 Jahre.

Said Nesar El Hashemi ist in Hanau geboren und zur Schule gegangen und plante eine Techniker-Weiterbildung werden. Er wurde 21 Jahre alt, sein älterer Bruder überlebte schwer verletzt.

Sedat Gürbüz, 30 Jahre, Betreiber der Shisha-Bar am 1. Tatort, aufgewachsen in Dietzenbach.

Fatih Saraçoğlu, 34 Jahre, war von Regensburg ins Rhein-Main-Gebiet gezogen, um sich dort selbstständig zu machen.

Der Täter ermordete auch seine Mutter, Gabriele R.

Die rassistische Motivation des Mörders zeigt die Wahl seiner Opfer: Menschen, die aus seiner Sicht  »nichtdeutsch« waren.

Es gibt eine Zeit der Tränen, eine Zeit der Worte – und dann gibt es Dinge, die können nicht gesagt, sie müssen getan werden. Wir empfinden rechtsterroristische Anschläge als Einschnitte, die aufeinander folgen und nicht unmittelbar entstanden sind. Wir gehen davon aus, dass diese nicht nur Beileidsbekundungen sondern viel wichtiger: Änderungen nach sich ziehen müssen. Änderungen in der Haltung. Einmal gegenüber denen, die von Rassismus und Ausgrenzung betroffen sind. Außerdem  den Nazis, Faschist:innen und Rassist:innen gegenüber. Ob einzelne Täter, Gruppen oder Parteien: die Auseinandersetzung mit Rassismus kann nur als Auseinandersetzung in der gesamten Gesellschaft erfolgreich werden. Wir von Rassismus Betroffene und gegen rechts Aktive nehmen uns den Raum, um Erfahrungen und Einschätzungen zu teilen. Hassreden und rassistische Hetze sind inakzeptabel. Es ist die Verantwortung von Politik und Gesellschaft, dies mindestens zu respektieren und auch gerne: das eigene Verhalten zu reflektieren und aus Fehlern zu lernen.

Es ist nicht nur an uns, sich dieser Entwicklung entgegenzustellen. Alleine schaffen wir das nicht – aber vielleicht gemeinsam. Und warten können wir längst nicht mehr. Drei der Opfer sind Roma. Das war nicht das explizite Ziel des Mörders, es ist aber auch nicht erstaunlich. Wir sind Nachkommen von Überlebenden der Verfolgung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Zum wiederholten Mal sind Roma unter den Opfer von Rassismus, von Rechtsterrorismus. Brandanschläge und Morde, Mordversuche, Vertreibung und Ausgrenzung sind an der Tagesordnung. Drohungen und Hetze erleben wir ständig. Und auch hier sagen wir: die Auseinandersetzung mit Rassismus gehört auf alle gesellschaftlichen Ebenen und wir brauchen Unterstützung im Kampf um eine promigrantische Gesellschaft, gleiche Rechte und Anerkennung.

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Sollten sich Fehler in den Namen oder Biografien der Opfer befinden, bitten wir um Verzeihung. Wir haben die Informationen aus mehreren Quellen zusammengestellt.

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unvollständige beispielhafte Dokumentation

2018 in Berlin. Ein Bewohner eines Friedrichshainer Hauskomplexes schießt auf eine junge Romni. Zwei Jahre zuvor wurde ein junger Rom im selben Hauskomplex durch Schüsse verletzt.

2016 in München. Der Hintergrund der Tat wurde von den bayrischen Behörden erst im Herbst 2019 als rassistisch bewertet, nachdem der Täter zunächst als psychisch krank eingestuft und politische Motivation abgesprochen wurde.

2011 in Leverkusen: Brandanschlag auf ein Haus, in dem Sinti und Roma lebten.

2007 in den Ermittlungen zum vom NSU verübten Mord an Michèle Kiesewetter 2007 stellte das LKA Roma unter Generalverdacht. Bis heute sind die ignoranten rassistischen, stigmatisierenden Ermittlungsansätze nicht aufgearbeitet.

2000 Geilenkirchen im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. Als die erste Familie in die neue Flüchtlingsunterkunft einzieht, wird eines der Zimmer mit einer Zwille beschossen. Die Familie kommt daraufhin in ein anderes Heim. Die 100-köpfige Gemeinde Geilenkirchen hatte sich mit einer Unterschriftenliste gegen die Unterbringung von insge- samt zwölf Flüchtlingen ausgesprochen. Im Juni wurde der Dachstuhl angezündet; im August waren die Heizungsrohre so beschädigt worden, daß der Keller voll Wasser lief. Im November wird mit scharfer Munition auf die Fenster des immer noch leerstehenden Hauses geschossen. Dies geschieht einige Tage vor dem erneuten Versuch, Flüchtlinge hier unterzubringen. Als dann Roma in dem Haus wohnen, schmeißen jugendliche Dorfbewohner erneut Steine, und unbekannte Täter zünden ein Auto an, das sich einer der Flüchtlinge geliehen hat.

2011 Bundesland Nordrhein-Westfalen. Im Eingangsbereich des Kölner Flüchtlingsheimes in der Potsdamer Straße brennt um 6.40 Uhr ein Kinderwagen, und es entsteht eine sehr starke Rauchentwicklung. Drei Roma aus dem Kosovo erleiden Verletzungen: zwei Personen kommen mit einer Rauchgasvergiftung und eine Person mit einer Hüftverletzung ins Krankenhaus.

1998 Frankfurt. Brandanschlag auf eine Roma-Familie, die in einem zum Abriß bestimmten Haus untergebracht ist. Eine Flasche mit einer brennenden Lunte fliegt durch ein Fenster ins Zimmer der Familie Caldaras. Herr C. verhindert eine Entflammung, indem er die Flasche wieder hinauswirft.

1994 in Köln: rassistischer Brandanschlag auf eine Notunterkunft, zwei Romnja sterben, weitere Angehörige erleiden schwere Brandverletzungen. Der Anschlag ist bis heute nicht aufgeklärt.

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