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Solidarität mit den Bewohner_innen der Groner Landstraße 9

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Solidarität mit den Bewohner_innen der Groner Landstraße 9

Göttinger_innen werden seit Wochen in Presse und „sozialen“ Medien mit Dreck beworfen. Natürlich trifft es nicht die Mitte der Gesellschaft, sondern jene, von denen man davon ausgeht, dass sie sich nicht wehren können.

Vor ein paar Wochen gab es einen größeren Corona-Ausbruch in einem Haus, das in Göttingen als „sozialer Brennpunkt“ gilt. Wir hatten die Darstellungen der Stadt und die mangelhafte journalistische Qualität der Berichterstattung sowie deren Folgen kritisiert. Nun hat es die Bewohner_innen der Groner Landstraße 9 getroffen.

Nachdem zwei Bewohnerinnen positiv auf Corona getestet worden waren, wurde am 18. Juni das gesamte Gebäude mit 700 Bewohner_innen unter Quarantäne gestellt wurde. In dem Haus leben vor allem Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Die Lebensbedingungen dort sind desolat, und ganze Familien leben zusammen gepfercht in winzigen Wohnungen. Wer kann, flieht von dort. Die meisten haben aber keine Wahl.

Die Einhaltung der Quarantäne wird Tag und Nacht von Polizei und Ordnungsamt bewacht. Die Stadt behauptet, die Menschen würden mit allem Nötigen versorgt. Stimmen der Bewohner_innen sprechen da eine andere Sprache. Fakt ist auch, dass die Care-Pakete, mit denen die Bewohner_innen versorgt werden sollten, in den ersten Tagen mit 40 Euro bezahlt werden mussten.

Unverzüglich ergoss sich eine Welle klassistischer und rassistischer Häme und Hetze in den sozialen Medien über die Bewohner_innen. Dieser verstärkte sich noch, als die verzweifelten Menschen anfingen, sich gegen den Umgang mit ihnen zu wehren. Das Mitgefühl galt nicht den Eingesperrten, sondern denjenigen, die sie einsperrten. Die Stadt drohte mit hartem Vorgehen gegen die Bewohner_innen statt gegen die Polizei, die Pfefferspray eingesetzt hat – auch gegen Kinder.

Am gleichen Tag, als die erste Kundgebung war, starb ein Bewohner des Hauses. Wie die BL berichtet, hatte seine Lebensgefährtin am von der Stadt installierten Absperrungszaun eindringlich um Hilfe gerufen, da der Mann unter schwerer Atemnot litt. Rettungskräfte trafen erst etwa eine Stunde später ein. Zu diesem Zeitpunkt zeigte der Verstorbene keine Lebenszeichen mehr. Der Mann ist nicht an Corona gestorben.

Für den 23. Juni hatte ein Bündnis zur Solidarität mit den Bewohner_innen zu einer Kundgebung aufgerufen. Dem Aufruf kamen gut 600 nach. Das Bündnis forderte, dass die Ermittlungen gegen Menschen aus dem Haus eingestellt werden. „Was erwartet die Stadt von Menschen? Dass sie hungern und sich nicht zur Wehr setzen?“ fragte eine Sprecherin.

Unvorbereitet wurden die Bewohner_innen eingesperrt. Sie haben nicht genug Lebensmittel und Hygieneartikel. Die Forderungen des Bündnisses umfassen vor allem aber den Schutz der Bewohner_innen. In der aktuellen Lage ist es nicht möglich, dass sich die ca. 600 negativ getesteten Menschen vor einer Infektion schützen können. Alle müssen raus, um sich mit Essen zu versorgen. Dicht gedrängt müssen sie anstehen. Es gibt keine Möglichkeit, dass ihnen das Essen an die Wohnungstür gebracht wird. Das gilt sowohl für Gesunde als auch für Kranke. Die Versorgung mit Schutzmasken und Desinfektionsmittel ist gleichzeitig nicht ausreichend.

In Redebeiträgen wurde die gegen Arme gerichtete Wohnraum-Politik, die Gentrifizierung und die rassistische Situation auf dem Wohnungsmarkt kritisiert. Diese führen dazu, dass marginalisierte Menschen in desolate Wohnorte wie die GL9 abgedrängt werden. Gleichzeitig nutzen Miethaie diese Situation aus und fordern von den Bewohner_innen und ggf. von den Ämtern maximale Mieten.

Die Stadt zahlt die Rund-Um-die-Uhr-Bewachung der Bewohner_innen, während ihre Versorgung mit dem Nötigsten nicht einmal zweitrangig sei, so eine Rednerin. Sie fordert die Stadt auf, die Versorgung sicher zu stellen und weitere Infektionen zu verhindern. „Abstand halten ist in diesem Haus unmöglich.“

Die Falken kritisierten vor allem die Situation der ca. 200 betroffenen Kinder und Jugendlichen im Haus aber auch, dass eine neoliberale Wohnraum-Politik wichtiger sei als Kinderrechte. Denn die Folge ist, dass Kinder an Orten leben müssen, die gar nicht für Kinder geeignet sind. „Dort wo wir leben, will keiner leben. Und wir auch nicht,“ zitiert die Sprecherin Kinder aus ihrer Kindergruppe in der Weststadt.

Das Roma Center/ Roma Antidiscrimination Network hat in seinem Redebeitrag vor allem über den Zusammenhang von sozialer Deklassierung und Rassismus gesprochen, der in Corona-Krise besonders deutlich wird. Viele Menschen in der GL9 kommen aus Ländern, in denen sie systematisch diskriminiert und rassistisch verfolgt werden. Diskriminierung ist da am stärksten, wo sie mit sozialer Deklassierung verbunden ist. Wo davon ausgegangen wird, dass Menschen die ökonomischen und sozialen Ressourcen fehlen, ihre Rechte durchzusetzen. So passiert es überall. So passiert es in den Ländern, aus denen Menschen nach Deutschland fliehen. So passiert es heute hier in der Groner Landstraße.

Nach dem öffentlichen Druck konnten die ersten Menschen am 22. Juni das Gelände verlassen. Dafür mussten sie bereits zweimal negativ getestet worden sein. Sie dürfen nur zu dritt raus und müssen sich an- und abmelden sowie ausweisen. Inzwischen gehen manche Familien rechtlich gegen die Zwangsisolierung in der GL9 vor, wie Anwalt Adam berichtet.

Auf dem Twitter-Account groner_land_voices findet ihr Infos zur Situation und Stimmen der Bewohner_innen. Wer den Bewohner_innen helfen möchte, kann sich bei der Mahnwache vor Ort melden. Sie organisiert Hilfe und beobachtet die Polizei.

Die Forderungen des Bündnisses:

  • Alle, die das wünschen, können während der gesamten Quarantänephase kostenlos in ein Hotel oder Appartment umziehen
    • Personen, die kein Corona haben, sollen nicht unter Quarantäne gestellt werden
    • Es muss eine außer- familiäre Betreuungsmöglichkeit für Kinder geschaffen werden, die von den etablierten Stellen der Jugendarbeit in Göttingen betreut wird
    • Es braucht qualifizierte Personen, die in Fällen von häuslicher und sexueller Gewalt und Konflikten beratend 24/7 zur Verfügung stehen
    • Die Einschränkung der Selbstbestimmung, die aktuell durchgeführt wird, ist nicht hinzunehmen. Z.B. können die Personen nicht entscheiden, was sie einkaufen und essen wollen.
    • Es darf keinerlei Repressalien geben, z.B. in Zusammenhang mit Aufenthaltsrecht, Drogenkonsum oder Protesten gegen die Maßnahmen

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